Deine Helden von damals: Sascha Amstätter

„Solche Momente kann man sich nicht zurückkaufen“

Sascha Amstätter steht für den außergewöhnlichen Weg. Trotz etlicher Angebote entschied er sich während seiner Karriere für einen Verbleib in seiner Heimat, dem Rhein-Main-Gebiet und wurde so zum Rekordspieler beim SV Wehen Wiesbaden. Im Interview für unsere Rubrik „Helden von damals“ spricht Amstätter über seine Karriere und über Schafe am Halberg.

Sascha Amstätter beim Torjubel
Über zehn Jahre schnürte Sascha Amstätter seine Fußballschuhe für den SV Wehen Wiesbaden. ©Imago

Herr Amstätter, Sie feierten am 20.2.1999 Ihr Bundesliga-Debüt. Was war das als gebürtiger Frankfurter für ein Gefühl, für die Eintracht in der Bundesliga aufzulaufen?
Sascha Amstätter: „Als Frankfurter Bub ist das etwas Sensationelles. Ich habe 1997 schon beim ersten Heimspiel in der zweiten Liga, im Waldstadion unter Flutlicht gegen Fortuna Düsseldorf, spielen dürfen. Für den Verein der Heimatstadt, bei dem man als Kind schon im Stadion war und große Augen gemacht hat, auflaufen zu dürfen, ist toll.

Dass ich den Bundesliga-Aufstieg miterleben durfte, macht mich immer noch stolz. Auch das legendäre Tor von Jan Aage Fjörtoft zum Klassenerhalt 1999 hautnah erlebt zu haben ist für mich unvergesslich.“

Nach dieser Saison war für Sie bei der Eintracht Schluss…
Amstätter: „Rein sportlich habe ich meine Wurzeln woanders geschlagen. Nicht in ganz so hohen Gefilden, aber trotzdem anspruchsvoll. Ich finde es gut, dass ich eine kleine Ausnahme war, der zehneinhalb Jahre bei Wehen Wiesbaden gespielt hat.

Ich habe von Feierabend- bis zum Profi-Fußball alles mit aufbauen können und alles erlebt. Wenn man alte Bilder sieht oder man angesprochen wird, dann ist das immer wieder toll. Ich denke gerne an die Zeit zurück.“

Man kann Stolz darauf sein, wenn man kein Wandervogel ist, der bei einer Krise sofort wegrennt (über Vereinstreue im Profifußball)

Sie hatten Angebote von verschiedenen deutschen Zweitligisten – verließen das Rhein-Main-Gebiet jedoch nie. War Ihnen der Wohlfühlfaktor und die Identifikation stets wichtiger als das große Geldverdienen?
Amstätter: „Hier habe ich meine Wurzeln, meine ganze Familie ist hier. Ich fühle mich einfach wohl, von daher wollte ich diesen Schritt nicht gehen. Ich hätte mehrmals wechseln können, trauere aber keiner Gelegenheit nach. Man muss auch manchmal wertschätzen, was man hat. Nicht alles Neue ist automatisch besser.

Ich bin froh, dass ich mich nicht verlocken ließ und wo anders hingegangen bin. Dadurch konnte ich viele Momente mit meiner Familie erleben, die ich sonst vielleicht nicht erlebt hätte. Solche Momente kann man sich nicht zurückkaufen. Es muss viel zusammenkommen, dass ich das Rhein-Main Gebiet verlassen werde.“

Mit 231 Spielen sind Sie Rekordspieler des Vereins. Sind Sie Stolz auf diesen Rekord?
Amstätter: „Das ist toll. Ich spiele auch noch in der Traditionsmannschaft, unter anderem mit Charlie Körbel. Dass man über zehn Jahre im bezahlten Fußball bei einem Verein bleibt, gibt es immer weniger. Man kann Stolz darauf sein, wenn man kein Wandervogel ist, der bei einer Krise sofort wegrennt.“

Nicht nur die sportliche Leistung, sondern vor allem die Person steht im Vordergrund (über das Besondere beim SVWW)

Alf Mintzel hat bisher 225 Spiele für Wehen Wiesbaden. Bangen Sie um Ihren Rekord?
Amstätter: „Nein, ich freue mich für Alf. Er war eigentlich der entscheidende Mann, dass Wehen Wiesbaden noch in der dritten Liga spielt. Wenn einer so lange da ist, zeigt das, dass der Verein einen Wohlfühlcharakter aufgebaut hat. Das zeichnet den SV Wehen Wiesbaden aus. Nicht nur die sportliche Leistung, sondern vor allem die Person steht im Vordergrund. In der Stadt und in der Umgebung kann man sich wohlfühlen.“

Oft führten Sie den SVW als Kapitän aufs Feld. Wie sahen Ihre Ansprachen als Anführer in der Kabine aus?
Amstätter: „Ansprachen waren in der Kabine gar nicht nötig. Wir waren ein eingeschworener Haufen, der sich nie aufgegeben hat. Den Aufstieg in die zweite Liga haben wir uns kontinuierlich erarbeitet. Die Entwicklung hat uns Recht gegeben. Wir sind dann vor der TSG Hoffenheim aufgestiegen, haben sie sogar geschlagen. Wenn man heute sieht, was die TSG für einen Weg gegangen ist, war das schon eine sensationelle Leistung.“

Das Stadion am Halberg ist mein altes Wohnzimmer (über seine Beziehung zur alten Spielstätte des SVWW)

Zu Ihrer Zeit war es beim SV Wehen noch nicht so professionell wie man es heute beim SVWW kennt. Machte gerade dieses ursprüngliche Umfeld z.B. am Stadion am Halberg die besondere Atmosphäre aus?
Amstätter: „Das Stadion am Halberg ist mein altes Wohnzimmer. Dort haben wir viele gute Mannschaften und Spieler zur Verzweiflung gebracht. Spätestens, wenn die vor dem Stadion die letzte Kurve genommen und die Schafe gesehen haben, haben sie sich gedacht „Oh je, wo sind wir denn hier gelandet“. Wir haben ihnen am Halberg den Schneid abgekauft und auch gegen große Mannschaften, wie zum Beispiel damals im DFB-Pokal gegen die Stuttgarter Kickers, gewonnen.“

Mit Wehen stiegen Sie in die zweite Bundesliga auf. Ihr größter Triumph?
Amstätter: „Ja, rein sportlich gesehen schon. Als Kapitän mit einer Mannschaft in die zweite Liga aufzusteigen, das war schon was Tolles. Emotional war es auch, als wir mit Darmstadt aufgestiegen sind.

Ich bin mit Eintracht Frankfurt in die erste Liga, mit Wehen in die zweite und mit Darmstadt in die dritte Liga aufgestiegen. Jetzt als Trainer nochmal in die fünfte Liga. Aufstiege sind immer schön, egal in welcher Liga, weil man belohnt wird, für die harte Arbeit und die Opfer, die man gebracht hat.“

Wo wir bei Triumphen sind. Was war Ihre härteste Niederlage?
Amstätter: „Das war keine direkte Niederlage, sondern ein bisschen Pech. Ich habe mir am Halberg eine Sehne gerissen im Sprunggelenk das war sehr bitter. Es gibt aber kein Spiel an das ich mich erinnern kann, an dem ich lang zu knabbern hatte. Die Momente, die man gut gestaltet hat, überwiegen.“

Ich wollte immer den maximalen Erfolg für die Mannschaft (über seinen Status als Fan-Liebling)

Nach Ihrem Wechsel zum SV Darmstadt wurden Sie auch dort auf Anhieb Publikumsliebling. Wieso waren Sie bei den Fans so beliebt?
Amstätter:  „Ich glaube, weil ich ehrliche Arbeit abgeliefert habe. Ich habe mit hohem Einsatz Fußball gespielt, oft an der Grenze zum Erlaubten, aber nie unfair. Ich wollte immer den maximalen Erfolg für die Mannschaft, für die ich aufgelaufen bin.

Das haben die Leute gemocht an mir, dass ich nie aufgebe, egal wie aussichtslos die Lage war. Ich habe auch meine Mitspieler mitgenommen. Gegen Hessen Kassel haben wir mit Darmstadt zum Beispiel 0:2 zurückgelegen und haben noch das 3:2 gemacht. Ich habe immer an die Mannschaft geglaubt.“

In der vergangenen Saison scheiterten Sie mit dem SV Zeilsheim knapp am Aufstieg in die Hessenliga. Muss der Aufstieg auch im nächsten Jahr das Ziel sein?
Amstätter:  „Wir haben zwar einige Stammspieler verloren, haben aber eine sehr junge, hungrige Mannschaft. Wenn wir von Verletzungen verschont bleiben, können wir ein Wörtchen um den Aufstieg mitreden. Den Durchmarsch zu schaffen, wäre sensationell gewesen. Am Ende haben uns nur zwei Tore gefehlt. Wir trauern dem aber keine Träne mehr nach.

Die Kleinigkeiten, die uns zum Aufstieg gefehlt haben, wollen wir abstellen und maximalen Erfolg haben. Das lebe ich meiner Mannschaft vor. Obwohl die Liga stärker ist als letztes Jahr, glaube ich, dass wir ähnlich erfolgreich spielen können.“

Die Mannschaft vom SV Zeilsheim besteht aus Spielern unterschiedlichster Nationen. Ist diese Vielfalt ein Vor- oder ein Nachteil für Ihr Team?Amstätter: „Das ist heutzutage kein Problem mehr. Wir leben alle in einer mulitkulturellen Gesellschaft. Wo die Wurzeln sind, ist erst mal egal. Man muss sich bloß den Kader von Eintracht Frankfurt vergangene Saison anschauen, da waren 17 verschiedene Nationen zusammen. Und sie haben eine starke Hinrunde gespielt.

Das ist eher ein Ansporn, dass man, auch wenn man verschiedene Wurzeln hat, trotzdem als Einheit auf dem Platz steht. Ich denke, das verkörpern wir als Trainerteam sehr gut. Grenzen spielen bei uns keine Rolle.“

Vielen Dank für das Interview, Herr Amstätter!

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